Aum asato ma sad gamaya
tamaso ma jyotir gamaya
mrtyor ma amrtam gamaya

Kommt dir dieses alte Sanskrit Gebet auf irgendeine Weise bekannt vor? An dieses Gebet aus den Brihadaranyaka Upanishaden erinnert sich womöglich, wer einmal ein östliches Meditations-Retreat besucht hat oder in einem Ashram zu Gast war, in dem einige der aktiven Lehrer oder Schüler es vor dem Beginn ihrer Sadhanas rezitiert haben. Obwohl die Brihadaranyaka Upanishaden den Kontrast zwischen Wahrheit und Illusion stark in den Vordergrund rücken, hat es dieses kleine Gebet dennoch geschafft, sich über diese eng definierten Begrenzungen hinaus zu erheben. In seiner reinen Einfachheit wurde es für Tausende, wenn nicht gar Millionen spiritueller Eingeweihter zum Symbol ihres Entschlusses zur Hingabe.

Übersetzt bedeutet es:

Von der Unwirklichkeit führe mich zur Wirklichkeit
Von der Dunkelheit führe mich ins Licht
Vom Tode führe mich zur Unsterblichkeit

Auch wenn es oft eigenständig als Gebet gechantet wird, rezitiert man es gewöhnlich meist zu Beginn der Meditation. Wer den tieferen Sinn der Meditation versteht, gibt es oft wieder, um eine unpassende oder in bestimmter Erwartung fixierte Haltung mit einer inneren Einstellung von demütiger* Unschuld zu ersetzen. Dies etabliert die Art von müheloser Empfänglichkeit, die notwendig ist, um gut zu meditieren.

*Demut bedeutet in der Tradition des Arkavamsha Parampara „offen zu sein für alle Möglichkeiten“ und trägt keinen Unterton von „Unterwürfigkeit“.

Leicht hätte das Gebet auch noch mehr Zeilen beinhalten können, wie beispielsweise „von Krankheit … zur Gesundheit“, „vom Bösen … zum Guten“ oder „von Angst … zur Liebe“. Doch der wahre Wert des Chants liegt nicht im „von … zu“. Er liegt in der mentalen Wahrnehmung, die dem „führe mich“ innewohnt. Die Psyche mit einem „führe mich“ zu erfüllen, gewährt dem Meditierenden die Willigkeit, die größere Ordnung zu fühlen, eine höhere Macht, die berührt werden kann, um das Falsche richtigzustellen. Dies ermöglicht dem Eingeweihten sein Leben und seinen Weg wieder in Einklang mit der Gesamtheit des Universums zu bringen und darin den begrenzten Willen des Egos dem großartigeren und harmonischeren Willen des Hohen Selbst hinzugeben. Genau wie die Schwerkraft, ist diese korrigierende Macht existent. Und genauso wie die Schwerkraft, wirkt sie mittels ihrer eigenen Kraft.

Ein wenig bekannter östlicher Begriff für diesen ausgleichenden Einfluss ist „Bhasjavirya“. Dem Bhasjavirya wohnt dieselbe Macht inne, die die Kräfte der Natur ausgleicht und die natürlichen zirkadianen Rhythmen (Tag- und Nacht-Zyklen, Schlaf- und Wach-Rhythmen) auf dieser Welt aufrechterhält. Im Meditierenden regt sie den natürlichen Heilungsprozess an, erweckt die Intuition und gewährt Richtung. Und letztendlich ist es auch dasselbe Licht, das Erleuchtung bringt. Doch es kann sich nur in dem Maße effektiv entfalten, in dem der Meditierende fähig ist, einen mühelosen Fokus und ein unschuldiges Loslassen in der Transzendenz aufrechtzuerhalten. Mit anderen Worten: Indem man dem Intellekt erlaubt, sich einer nach innen gerichteten Haltung von „führe mich“ hinzugeben. Der Bhasjavirya Prozess entwickelt sich in direkter Proportion zur zeitlichen Länge und Häufigkeit, die der Meditierende in Meditation verbringt. Der Prozess wird machtvoller je mehr er oder sie in der Lage ist, mühelos die unnatürlichen Verzerrungen zu stillen, die in einer vom Ego motivierten Psyche entstehen. Dieses Stillen der Verzerrungen ermöglicht den Impulsen, die das Dharma formen, sich zu manifestieren.

Es gibt zwei Arten von Wahrnehmung, welche die inneren Funktionsweisen der sonst klaren Psyche verzerren: Viparyaya und Pramana. Viparyayas sind falsche Wahrnehmungen, Pramanas sind korrekte Wahrnehmungen. Viparyaya-Wahrnehmungen stören den intuitiven Sinn für die Realität, indem sie mentale Eindrücke geltend machen, die nicht real sind. Viparyayas erzeugen Wahrnehmungen, die vollständig von Begierden des Egos getrieben sind. Sie sind vererbte oder erlernte Verteidigungsmechanismen, die integriert worden sind und krankhafte Tendenzen formen, die irrtümlich einem falschen Sinn des Selbst dienen. In Wahrheit jedoch ist jede identifizierbare Vorstellung des Selbst eine falsche Wahrnehmung, da das wahre Selbst unbegrenzt und ewiglich frei ist. Daher kann ihm auch kein Beschreibungsversuch gerecht werden. Viparyayas stellen daher also fehlgeleitete Pramana-Wahrnehmungen dar, die durch das Annehmen der Anhaftungen und Aversionen verzerrt worden sind, die in direktem Zusammenhang mit der Identifikation des Egos stehen. Im wesentlichen repräsentiert eine von Viparyayas durchdrungene Psyche die unerleuchtete Psyche. Sie wird begrenzt durch die Angst, keine Kontrolle über die Dinge zu haben, die ihren fehlgeleiteten Sinn von sich selbst bestätigen oder der Angst Bedrohungen erdulden zu müssen, die diesen Sinn zunichtemachen könnten. Viparyaya verkörpert die leidende und unnachgiebige Psyche, die verloren im Chaos der gewohnheitsmäßigen Reaktionen und Illusionen umherirrt. Viparyayas sind die mentalen Feedback-Schleifen, die einen ständig unter Druck stehenden Mentalzustand erzeugen, der permanent von Angst oder Ehrgeiz angeheizt wird. Er verkörpert eine von Emotionen durchzogene Psyche, die gierig, wütend, arrogant und gewalttätig ist.

Glücklicherweise besitzt jeder Mensch die Mittel, um seine Viparyaya Verzerrungen zu korrigieren und die Ordnung und Balance in seinem Leben wiederherzustellen. Der direkteste Weg, um dies zu vollbringen, liegt in dem demütigen Akt der Meditation. Der zentrale Zweck jeder wahren Meditation besteht in einem einfachen Loslassen.

Ein Eingeweihter, der das Loslassen zum aufrichtigen Gegenstand seiner Meditation macht, kann leicht eine innere Stille erlangen. Diese Errungenschaft ist der wahre Sinn der Meditation. Ein solcher Eingeweihter erreicht den Zustand, der nötig ist, um die Ströme der Glückseligkeit zu erwecken und frei fließen zu lassen. Diese Glückseligkeit wird die Ordnung und die Heilung im Leben wiederbringen, wenn sie durch Herz und Psyche aufsteigen darf. Ist die Stille erlangt, steigen die Pramana-Wahrnehmungen durch die natürlich hervorkommenden Wellen der Glückseligkeit empor und gewähren durch den Prozess das Falsche richtigzustellen Führung. Davon profitiert auch die Umgebung, indem sie die kreativen Impulse empfängt, die von diesem glückseligen Wesen hervorgebracht werden. So bekommt auch sie, was sie benötigt – das heilende Licht des Bhasjavirya.

Ja – dieser einfache Prozess ist der prinzipielle Zweck und Entwurf, der hinter allen rechtmäßigen Handlungen der spirituellen Hingabe steht: Das konstante Hervorbringen göttlicher Manifestation durch jeden eurer einzigartigen Ausdrucksformen.

Aaravindha

Übersetzt von Aiyanna Diyamayi

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